LH Hermann Schützenhöfer: Abstand halten und trotzdem zusammenhalten

Die Zeiten sind hart, einfacher werden sie auf keinen Fall. Im Gespräch mit dem Landeshauptmann über Dinge, die nicht aufzuhalten aber zumindest lenkbar scheinen. Sorglosigkeit ade, doch der Mut muss bleiben.

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, das Jahr 2020 wird als Jahr der Herausforderungen in die Geschichte eingehen, oder?
Mit Sicherheit ist das Jahr 2020 ein besonderes. Es sind Zeiten, die noch niemand vorher von uns erlebt hat.

Kurz in Quarantäne zu sein scheint mittlerweile fast schon zum guten Ton zu gehören, oder?
Ich würde nicht sagen zum guten Ton. Aber ja, aufgrund der stark gestiegenen Infektionszahlen sind mittlerweile viele Menschen direkt als Erkrankte oder indirekt als Kontaktpersonen mit dem Virus in Berührung gekommen.

In unserem letzten Gespräch (Sept. 2020) meinten Sie, man soll jetzt nicht „grundlos“ in eine Hysterie verfallen. Sehen Sie das noch immer so?
Hysterie ist niemals gut und kann auch nicht Teil der Lösung sein. Ich habe immer betont, dass wir vorsichtig bleiben müssen und nicht sorglos handeln dürfen. Das gilt heute mehr denn je.

Jetzt einmal philosophisch gesehen: Kann man es in Zeiten wie diesen als Politik der Gesellschaft überhaupt recht machen?
Das kann man ohnehin schwer. Es ist Aufgabe der Politik, Notwendiges umzusetzen und populär zu machen. Wenn es mir nicht gelingt, das Notwendige populär zu machen, muss ich es trotzdem umsetzen.

Wo liegt Ihre größte Sorge?
(In Österreich fürchten sich 75% vor einer Wirtschaftskrise.) Ich verstehe die Sorge der Bürger*innen – denn Covid stellt für Wirtschaft und Arbeitsmarkt eine der größten Bewährungsproben dar, die es in den letzten Jahrzehnten in Österreich gegeben hat. Mehr denn je, braucht es jetzt ein gemeinsames und entschlossenes Handeln, damit sich die Gesundheitskrise nicht zu einer Wirtschaftskrise entwickelt. Meine Sorge ist aber auch die Sorglosigkeit vieler Menschen, die sich unachtsam und verantwortungslos verhalten.

Für betroffene Betriebe gibt es jetzt im Lockdown ein Finanzierungsprogramm. Wie lange glauben Sie, kann Österreich solche Notmaßnahmen finanzieren?
Die Auswirkungen der Krise werden uns noch jahrelang beschäftigen, auch das Land Steiermark. Selbstverständlich dürfen wir unseren Enkeln und Urenkeln keinen Berg voller Schulden hinterlassen. Aber wir müssen alles tun, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln und Arbeitsplätze zu sichern. Dann wird es gelingen, diese Kosten zu finanzieren. Im Frühling geht alles wieder in eine gewisse „neue Normalität“ über. Da die Entwicklung für die Menschen absehbar scheint, wird das Momentum immer schwerer zu halten sein. Uns allen muss klar sein, dass eine Normalität und der Alltag, wie wir ihn kennen, erst dann wieder möglich ist, wenn es einen wirksamen Impfstoff gibt. Hier gibt es ja schon positive Signale – deshalb hoffe ich, dass eine Impfung bald zur Verfügung stehen wird.

Geht von den Menschen, die aus der Bahn kippen und schwer erreichbar sind, eine gewisse Gefahr aus?
Alle, die sich nicht an die notwendigen Schutz- und Hygienemaßnahmen im Kampf gegen das Virus halten, gefährden ihre eigene Gesundheit aber auch die anderer. Dafür habe ich kein Verständnis – denn wir müssen jetzt alle das große Ganze im Kopf haben: die Gesundheit!

Kurz gefragt: Wie war es in Ihrer Covid-Isolation? Kristallisierte sich hier ein Gedanke heraus?
In erster Linie war ich dankbar dafür, dass ich gesund und nicht erkrankt war. Ich war als Kontaktperson in Quarantäne und konnte meiner Arbeit von zu Hause aus über Telefon- und Videokonferenzen weiterhin nachgehen. Aber ich gebe zu, ich war sehr erleichtert als die zehn Tage vorüber waren und ich wieder ins Büro durfte und meinen „normalen“ Arbeitsalltag zurückhatte.

Was würden Sie aus dieser Zeit Ihren Enkelkindern mitgeben?
Wenn Corona etwas Gutes hat, dann das, dass sich das Bewusstsein und die Werte der Menschen verändern. Vor allem in dieser Krisenzeit wird vielen bewusst, wie wichtig Nachbarschaftshilfe und Solidarität für andere sind – aber auch, wie wertvoll regionale Lebensmittel und eine intakte Natur sind. Das alles ist in unserer Gesellschaft etwas verloren gegangen.

Was raten Sie „Ihren“ Steirer*innen?
Es braucht Vorsicht, um unsere Gesundheit nicht zu gefährden, wir brauchen aber auch die Zuversicht, dass es wieder aufwärts geht. Nur wenn die Infektionszahlen sinken, kann sich auch die Wirtschaft wieder erholen und entwickeln. Deshalb bitte ich alle durchzuhalten, Abstand zu halten und trotzdem zusammenzuhalten.

Was kann man als Politiker 2020 dem Menschen unter dem Christbaum legen?
Ich bin nicht das Christkind, aber ich wünsche uns allen Zuversicht und Mut.

Welche Botschaft geben Sie Ihren Landsleuten das nächste Jahr mit?
Wir erleben eine Krise aber keine Not, wie sie Menschen in Kriegszeiten erlebten oder erleben – das sollten wir uns immer wieder ins Bewusstsein rufen. Diese Krise werden wir gemeinsam meistern, da bin ich sehr zuversichtlich!

Herr Landeshauptmann, 40plus dankt für das Gespräch in einer schwierigen Zeit.

Das Interview führte Martin G. Wanko