Text: Peter Strasser
Von Jesus sind uns in den Evangelien letzte Worte am Kreuz überliefert. Darunter findet sich, um die neunte Stunde, der Verzweiflungsschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Diese Worte Jesu – zitiert aus dem 22. Psalm der Bibel – stehen in einer Frömmigkeitstradition; es gibt für sie keinen historischen Beleg. Dazu bemerkte der Philosoph Hans Blumenberg sarkastisch: „Nichts also hat er gesagt.“
In dem Moment, in dem Frömmigkeit nur noch bedeutet, die überlieferten Worte auf dem Papier symbolisch oder sinnbildlich aufzufassen, verflacht das Heilsgeschichtliche am Kreuzestod Jesu. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hatte sich gefragt, was ihn dazu veranlasse, an die Auferstehung Jesu glauben zu wollen (er konnte aber nicht glauben). Und er antwortete sich selbst, dass, wenn Jesus nicht von den Toten auferstanden ist, wir wieder „verwaist und allein“ seien.
In diesem Sinne sind heute die meisten von uns metaphysisch verwaist und allein. Die Schöpfung, wie sie in der Bibel festgeschrieben wurde, liefere uns ein Märchen, sagt der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, kämpferischer Atheist, dessen Anhänger 2008 auf den Londoner Bussen affichieren ließen: „Da ist wahrscheinlich kein Gott. Hör auf, dir Sorgen zu machen und genieße dein Leben.“
An den unterschiedlichen Gefühlsmomenten, wie sie sich bei Wittgenstein und Dawkins an den Kreuzestod Jesu und seine Wiederauferstehung heften, zeigt sich deutlich, was die Verflachung des Osterereignisses bedeutet. Noch immer feiert die Christenheit das Ende der 40-tägigen Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern, noch immer läuten in der Karwoche keine Glocken, woran nach altem Brauch am Lande die „Ratschen“ erinnern. Noch immer werden Ostereier gefärbt und am Ostersonntag in den Gärten mitsamt kleinen Geschenken für die Kinder versteckt; sie alle hat der Osterhase gebracht.
Ostern ist zu einem Fest der Freude geworden, für viele das Fest der „Wiederauferstehung“ der Natur, überall knospt es und die ersten Frühlingsblumen – Narzissen, Primeln, Hyazinthen, Tulpen – erfreuen das wintermüde Auge. Das heilgeschichtliche Drama, demzufolge Christi Tod und Auferstehung, die die Wiederversöhnung der erbsündigen Menschheit mit Gottvater ermöglichte, ist im Zuge der Verweltlichung besonders der städtischen Zivilisation viel eher – sofern überhaupt eine religiöse Stimmung aufkommt – zu einer im Ursprung heidnischen Regenerationsmythologie des Lebens geworden. Heutzutage blüht die Wellnessesoterik.
Aber meistens bildet das Familienfestliche den Kern von Ostern. Doch gerade aus den dabei auftretenden Momenten der Entspannung und Freude kann herausgelesen werden, inwieweit die meisten von uns vom ursprünglichen Sinn der menschheitserlösenden Tat Jesu bereits entfernt sind. Aus der Bibel lernten einst die Christenmenschen, dass Ostern die Vorbedingung für die leibliche Auferstehung der Toten am Ende aller Zeiten, die Herabkunft des Neuen Jerusalem und das ewigwährende Wohnen bei Gott ist.
Dieser ganze Glaubenskomplex ist dem 21. Jahrhundert nach Christi Geburt fremd geworden. Er bildet nur noch einen abgelebten, bestenfalls sentimentalen Hintergrund unserer westlichen Kultur. Man mag das beklagen. Man mag kulturpessimistisch nicht nur von Verflachung, sondern gleich, wie Oswald Spengler es tat, vom Untergang des Abendlandes sprechen. Aber die, die so sprechen, sind vorerst – die Zeiten werden ja wieder fundamentalistisch – nur wenige.
Man muss sich sogar fragen, ob wir darüber nicht froh sein sollten. Denn die Verflachung dessen, was aus der Tiefe der Zeiten heraufkam, bedeutet auch, dass die Menschen nun einander unmittelbar als Menschen begegnen können – ohne Furcht und Zittern vor dem Richtspruch Gottes, dem Höllenfeuer und seinen Qualen. Freilich ermangeln wir fortan auch eines Trostes, wie ihn nur die Religion zu spenden vermag.
Die Verflachung der Osterpassion geht einher mit einer Verflachung der Osterfreude. Wir müssen uns selbst genug sein. Doch unser letztes Kapitel wird erst geschrieben werden.

Peter Strasser unterrichtete an der Karl-Franzens-Universität in Graz unter anderem „Religiöses Denken“ und „Ethik“. Er ist Träger des Österreichischen Staatspreises für Kulturpublizistik. Sein letztes Buch erschien 2025: „Über die vorletzten Dinge“. In den Holl-Books veröffentlichte er jüngst eine Neufassung seines Großessays „Geborgenheit im Schlechten – Über die Spannung zwischen Kunst und Religion“.
