Österreichische Winzer: Radikaler Ideenreichtum. 

Obwohl weltweit weniger Alkohol, und somit auch weniger Wein, konsumiert wird, ist der Rückgang in Österreich weniger stark ausgeprägt. Dies liegt daran, dass laut Österreich Wein etwa 80 % des hierzulande getrunkenen Weins aus Österreich stammt. Anstatt zu klagen, sind wichtige Schritte zu tun: Der Tradition treu zu bleiben, gleichzeitig neue Trends aufzugreifen und den Fokus konsequent auf die Kunden auszurichten. 

Wein gilt oft als prestigeträchtig und symbolisiert einen gehobenen Lebensstandard sowie eine vornehme Tischkultur, was jedoch auch abschreckend wirken kann. Wie erreicht man die Interessierten?

Stefan Krispel, Winzer aus dem Vulkanland, meint dazu: „Das Gebot der Stunde

ist, das Publikum dort abzuholen, wo es steht – mit einfachen Zugängen, echten Erlebnissen und der Erlaubnis, Wein ganz individuell zu genießen. Es gibt kein ,richtig‘ oder ,falsch‘ beim Wein – Geschmack ist subjektiv.

Für Kerstin Wratschko, Miteigentümerin von Cristallo, ist es entscheidend, dass sich jeder angesprochen fühlt, unabhängig vom Lebensstandard. Sie betont: „Daher ist die Frage nicht, wo genau man jemanden abholt, sondern eher wichtig, den Zugang zu schaffen, dass sich jeder abholen lässt.“

Einfach Wein?

„Wein trinken muss einfacher werden“, hört man oft, und Kerstin Wratschko stimmt dem zu. „Wir, als Cristallo, versuchen alle unterschiedlichen Bereiche abzudecken und so die Kunden auf allen Ebenen abzuholen. Auch bei unkomplizierten Settings am Pool oder im Barbereich“, erklärt sie. Besonders für junge Menschen sollte der Markt zugänglicher werden, da „eine zu große Vielfalt auch für Verunsicherung sorgen kann, Falsches zu tun“, so Wratschko.


Stefan Krispel betont ebenfalls die Zugänglichkeit: „Ein Wein darf einfach zu trinken sein, ohne simpel zu schmecken.“ Er sieht die Winzer in der Pflicht, auf den veränderten Markt zu reagieren: „Jüngere Generationen trinken weniger Alkohol, der Wunsch nach Leichtigkeit statt Komplexität ist gegeben.“ Dennoch dürfe Wein seinen Charakter nicht verlieren: „Jedoch sollte Wein behalten, was ihn besonders macht: Herkunft, Charakter, Ecken und Kanten.“

Qualitätswein in Dosen?

Qualitätswein in Dosen ist ein aufkommender Trend, dessen Akzeptanz jedoch diskutiert wird. Chris Yorke, Geschäftsführer des Österreich Wein-Marketing (ÖWM), räumt ein: „Die Dose wäre nicht meine erste Wahl, aber Genuss ist immer individuell, und darauf kommt’s ja an. Als Einzelmenge ist die Dose für den Handel durchaus ein Thema.“


Helmut Gramer, Präsident des Steirischen Sommeliervereins, liefert dazu beeindruckende Zahlen: „Die Verkäufe von Dosenwein in den USA stiegen von 2 Mio. Dollar im Jahr 2012 auf 183 Mio. Dollar im Jahr 2021. Weltweit wurde 2024 Dosenwein im Wert von 643 Mio. Dollar konsumiert, wobei für 2034 sogar eine Verfünffachung prognostiziert wird. Die Dose punktet dabei mit einfachem Transport und guter Kühlung.“ Für lagerfähigen Qualitätswein ist die Dosenabfüllung jedoch nicht geeignet, da der Wein laut Gramer in der Dose maximal 18 Monate haltbar sein sollte.

Roter mit Eis, roter Spritzer oder „Tinto de Verano” gefällig?

Der Konsum von Rotwein befindet sich im Wandel, wobei gekühlte Varianten zunehmend an Beliebtheit gewinnen. Im Sommer ist der gekühlte Rote – sei es die heimische Rote Mischung oder der spanische „Tinto de Verano“ – immer öfter anzutreffen. Christoph Artner, Winzer aus dem Carnuntum, betont, dass der Trend zum gekühlten Rotwein die Aufmerksamkeit auf die richtige Trinktemperatur lenkt. Er kritisiert, dass Rotweine in der Gastronomie, auch in Österreich, oft zu warm serviert werden: „Ideal ist eine Temperatur von 14–18 °C, im Sommer sogar darunter.“ Harald Lieleg vom Kollerhof (Leutschach) bestätigt: „Gekühlter Rotwein macht richtig Spaß und wird so zum Alltagsbegleiter.“ Der hochprozentige Anlasswein tritt somit immer mehr in den Hintergrund.

Zur Entwicklung der Rotweinstile: Mathias Wenzel vom Weinschloss Thaller sieht einen Trend zu eleganteren Rotweinen aus kühlen Klimazonen, wie dem Vulkanland Südoststeiermark. Reinhold Krutzler, Winzer aus Deutsch Schützen, ergänzt: „Die Welt ist im Wandel, der Wein auch. Die Weine werden weniger auf Gerbstoff ausgebaut, sondern viel mehr auf Frische und Frucht.“

Der Trend zu leichteren Rotweinen mit geringerem Alkoholgehalt ist unübersehbar und hat sogar Bordeaux mit dem jungen Wein Claret Bordeaux erreicht. Helmut Gramer sieht einen klaren Zusammenhang mit dem Zeitgeist: „Durch die Verlängerung der warmen Jahreszeit in den Herbst wird die Zeit, in der kräftigere Rotweine gerne getrunken werden, immer kürzer. Auch wird durch Trends zur gesünderen Ernährung, leichter Wein in Zukunft eine höhere Nachfrage haben.“ 

Reinhold Krutzler bestätigt diesen Ansatz: Mathias Wenzel vom Weinschloss Thaller „Wir versuchen früher zu lesen, um den Alkoholgehalt nicht zu übertreiben. Weine für den Alltag haben bei uns max. 12,5 % Alk.“ nimmt den Trend zum leichteren Wein wahr, will ihm aber nicht kurzfristigen nachlaufen: „Weinbau ist etwas, wo man nur über Generationen etwas Großes erreichen kann.“

Für den burgenländischen Winzer Markus Iro ist der Alkoholgehalt von untergeordneter Bedeutung: „Wichtig ist, dass der Alkohol gut eingebunden ist und der Wein harmonisch schmeckt.“

Anderer Geschmack bei Wein mit geringem Alkohol?

Entalkoholisierter oder alkoholreduzierter Wein unterscheidet sich geschmacklich von „normalem“ Wein. Stefan Krispel erklärt: „Alkohol ist Geschmacksträger Nummer eins, vergleichbar mit Fett beim Fleisch. Eine schonende Entalkoholisierung kann jedoch mehr Geschmack bewahren, wobei Zucker als Hilfsmittel zur Geschmacksverbesserung eingesetzt wird.“ 

Bei natürlich hergestellten, alkoholarmen Weinen sieht Helmut Gramer ebenfalls einen differenzierten Geschmack, da die Trauben in der Regel früher geerntet werden, „wenn die Aromenvorläufer oft noch nicht voll entwickelt sind“, so der Sommelier.

Trotzdem hat sich entalkoholisierter Wein am Markt etabliert. ÖWM Geschäftsführer Chris Yorke betont: „Entalkoholisierter Wein hat eine Marktnische besetzt, die von Konsumenten nachgefragt wird, die ihren Alkoholkonsum reduzieren, aber nicht auf Wein verzichten möchten.“ 

Der Grazer Weinhändler Anton Kohlbacher macht den zukünftigen Erfolg von der Qualität abhängig: „Der Marktanteil von entalkoholisiertem Wein wird wahrscheinlich zunehmen, da sich die Technik ständig verbessert und die Ergebnisse besser werden. Ob die Herstellung eines so aufwendigen und ressourcenintensiven Produkts sinnvoll ist, halte ich jedoch für eine berechtigte Frage.“

Immer mehr Bio!

„Nachhaltig Austria“ ist bei 28 % der Winzer bereits Standard. 25 % von ihnen sind Bio-Winzer. Da sind die österreichischen Winzer Pioniere: „Für uns als BIO-zertifizierter Betrieb ist das kein Trend, sondern eine konsequente Haltung, die Qualität, Herkunft und Ressourcenschonung ver- bindet und wir sind überzeugt, dass der Anteil an nachhaltig und biologisch arbeitenden Weingütern weiter steigen wird“, so Carnuntum-Winzer Christoph Artner. So bleiben viele Winzer im Grunde positiv, auch wenn Alltägliches oft aufwändig wird, wie zum Beispiel die Bewirtschaftung von Steillagen, die gerade in der Steiermark zum Landschaftsbild zählen, weiß Mathias Prugmaier vom Weingut Assigal zu berichten: „Wir versuchen in der Bewirt- schaftung viel zu optimieren und innovativ zu denken, um noch möglichst lange den Wein in der Steillage anbauen zu können.“

Die österreichischen Winzer nehmen eine Vorreiterrolle in Sachen Nachhaltigkeit ein: Für 28 % ist das „Nachhaltig Austria“-Programm bereits Standard, 25 % arbeiten so- gar biologisch. Christoph Artner, Winzer aus Carnuntum und selbst BIO-zertifiziert, betont: „Für uns ist das kein Trend, sondern eine konsequente Haltung, die Qualität, Herkunft und Ressourcenschonung verbindet. “Wir sind überzeugt, dass der Anteil an nachhaltig und biologisch arbeitenden Weingütern weiter steigen wird.“

Trotz des oft hohen Aufwands im Alltag, etwa bei der Bewirtschaftung von Steillagen, die besonders in der Steiermark prägend sind, bleibt die Stimmung positiv. Mathias Prugmaier vom Weingut Assigal erklärt dazu: „Wir versuchen, in der Bewirtschaftung viel zu optimieren und innovativ zu denken, um noch möglichst lange den Wein in der Steillage anbauen zu können.“ +

Die Jungen kommen!

Lena Skringer, Mathias Prugmaier und Florian Dillinger, drei engagierte Jungwinzer*innen, sprechen mit 40plus über ihre Motivation:

Lena Skringer:

“Der Antrieb ist oft die enge Verbundenheit zur eigenen Herkunft und den familieneigenen Weingärten. Das Ziel ist es, die Qualität stetig weiterzuentwickeln und den Weinen eine ganz persönliche Note zu verleihen.”

Mathias Prugmaier, Assigal:

“Am Ende des Tages ein hervorragendes Glas Wein zu produzieren – das ist der größte Ansporn. Wobei der Weg dorthin durchaus auch einmal Umwege nehmen darf.”

Florian Dillinger:

“Mich motiviert die ganzjährige Arbeit im Weingarten im Einklang mit der Natur. Die Krönung ist, am Jahresende ein fertiges, selbst erzeugtes Produkt in Händen zu halten, das bei den Kunden Anerkennung und Wertschätzung findet.”

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