Gut, dass die “Erste Welt“ auch noch ihre Probleme haben darf. Immer mehr Menschen reduzieren Alkohol im Januar auf null. Manche verlängern bis zu Ostern, andere nehmen den Oktober noch dazu. Aber es regt sich auch Widerstand gegen die gesellschaftlich auferlegten Zwänge, sofern diese keine Befreiung sind.
Der Dry Typ: Der moderne „Dry January“ wurde 2013 in Großbritannien von der Organisation Alcohol Change UK ins Leben gerufen, inspiriert durch eine Frau namens Emily Robinson, die 2011 auf Grund des bevorstehenden Halbmarathons eine Zeit auf Alkohol verzichtete. Nun ist daraus in den letzten Jahren eine echte Bewegung entstanden, mit alkoholresistenten Jugendlichen als Pressure-Group, die hier eine tatsächliche Abgrenzung zur Elterngeneration gefunden haben. Aber nicht nur das. Der Januar wird für viele als Monat der Zurückgezogenheit und Regeneration gesehen. Als Gegenstück zum eher genussvollen Herbst, der in der Weihnachtszeit oft in einer Völlerei endet. Grund genug für viele, sich am Anfang des Jahres enthaltsam zu zeigen. Der „Dry January“ ist auch aus dem Gedanken der Challenges geboren, wo man einen Monat nichts trinkt und im nächsten nichts Süßes isst – man muss das Ding rocken!


Der Anti Try Typ: Neu ist, dass sich in der Gesellschaft Widerstand gegen diesen Trend und eine gewisse Stigmatisierung ganz offen regt. Genussmagazine, aber auch einzelne Personen teilen die letzten Tage in sozialen Medien ganz gerne eine Verspottung bezüglich des Alkoholverzichts. Mit breiter, hedonischer Brust wird er auf Insta in Memes lächerlich gemacht. Auf einem Meme ist zum Beispiel Leonardo DiCaprio abgebildet, auf dem berühmten Foto aus “The Great Gatsby”, wie er mit einem Champagnerkelch in die Kamera prostet, aus einer Zeit und Gesellschaft, wo dies zum guten Ton gehörte, mit einem Zitat, das die Teilnahme am „Dry January“ dezidiert ausschließen soll. Soll so sein, die Alkoholindustrie wird den umsatzschwächsten Monat aushalten, die unabhängigen Winzer, Brauer und Brenner hoffentlich auch.
Der Halb Dry Typ: Neu im Spiel ist “Damp January”, das ist so “halb dry”. Ganz nebenbei: Ich möchte einmal einen Alkotest haben, wo der diensthabende Polizist mich fragt, ob ich etwas getrunken habe und ich sage “so halb”. Der wird mich nicht durchwinken. Aber im Januar geht eben alles, und das jüngste Kind hört laut dem Online-Magazin Utopia.de auf den Namen “Damp January”. Hier geht es um die “sinnvolle” Reduktion von Alkohol auf eine längere Zeitspanne: “Darüber hinaus halten wir den “Damp January” für einen nachhaltigeren Ansatz, da er langfristige Verhaltensänderungen unterstützt. Der “Damp January” stärkt dein Gefühl der Kontrolle, da du bewusster entscheidest, „wann und wie viel du trinkst”, verrät das Magazin. Auf gut deutsch: Genussvoll und im Rahmen trinken.

Und wir? Und was halten wir von 40plus davon? Zum einen ist hier niemand besser oder schlechter, die Sache darf nicht zur Stigmatisierung führen. Interessant ist, dass keiner von der Qualität spricht, die getrunken wird. Gute Qualität, nicht immer zu viel und ein Lachen auf den Lippen, das ist mehr wert, als sich verbissen durch den Januar quälen und im Februar nichts mehr davon wissen. Es lebe die freie Entscheidung, ohne sich bevormunden zu lassen, in welche Richtung auch immer. Und wenn schon “very dry”, “so la la dry” oder “gar nicht dry”, dann sollte man die selbst gewählte Norm nicht bierernst nehmen, denn das eine sind wir uns sicher, rund um Ostern befinden sich viele wieder im selben Boot.
Martin G. Wanko
alle Fotos: (c) KI-gen. mit ChatGPT
