Ostern in Triest

Triest
Triest und seine Kirchen.

Die unterschiedlichen Religionen und ihre Kirchen spiegeln die Geschichte der multikulturellen Stadt Triest wider, Georges Desrues geht auf Tuchfühlung. 


Alle Jahre wieder, wenn das katholische Fest zur Auferstehung Christi bereits einige Tage beziehungsweise Wochen vorüber ist, verfällt Triest erneut in Osterstimmung. Dann feiern nämlich die zwei bedeutendsten historischen Minderheiten der Stadt ihr eigenes Fest. Die Rede ist von den Mitgliedern der griechisch- und der serbisch-orthodoxen Kirche, die seit vielen Generationen in der Hafenstadt beheimatet sind. Dass ihr Osterfest auf ein anderes Datum fällt, erklärt sich bekanntlich dadurch, dass die meisten orthodoxen Kirchen das Osterdatum nicht nach dem für die Westkirchen gültigen gregorianischen, sondern nach dem julianischen Kalender berechnen. Zudem feiern beide Glaubensgemeinschaften Ostern am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Dadurch kann es passieren, dass ein Vollmond nach dem 21. März (westlich), aber vor dem 3. April (orthodox) eintritt. Die Westkirche feiert dann sofort, während die orthodoxe Kirche auf den nächsten Vollmond warten muss. Dadurch kann auch ein Abstand von vier bis fünf Wochen entstehen.

Für das ansonsten tief katholisch geprägte Italien ist das alles recht ungewöhnlich. Wer andere italienische Städte kennt, wird bemerkt haben, dass die überwiegende Mehrzahl unter ihnen nach einem sich ähnelnden Schema organisiert sind. Nämlich mit einer Piazza – also einem Hauptplatz –, an dem eine Kathedrale, ein Dom oder zumindest eine Kirche steht. Nicht so in Triest. In Triest wird die Piazza vom Rathaus und einigen Palazzi aus dem 18. und 19. Jahrhundert gesäumt, Kathedrale ist allerdings weit und breit keine zu sehen. Die findet sich erst neben der Burg San Giusto, hoch oben auf einem Hügel. Die griechisch-orthodoxe Kirche mit ihren zwei Türmen indessen liegt nur einige Schritte weiter von der Piazza, direkt an der Uferpromenade und mit Blick aufs Meer. Gebaut wurde San Nicolò e della Santissima Trinità, auch bekannt als San Nicolò dei Greci – der Griechen – , bereits Ende des 18. Jahrhunderts. Um 1820 verpasste ihr der vom Bodensee stammende Architekt Matteo Pertsch ihre neoklassizistische Fassade. Wiederum nur ein paar Schritte entfernt, landeinwärts und entlang dem Canale Grande, liegt die mächtige serbisch-orthodoxe Kirche Santissima Trinità e San Spiridione, die in den 1860er Jahren nach einem Entwurf des Architekten Carlo Maciachini im neobyzantinischen Stil errichtet wurde und zu den bedeutendsten serbisch-orthodoxen Gotteshäusern außerhalb Serbiens zählt.

Doch gibt es in Triest freilich noch weitere Religionsgemeinschaften. Darunter die jüdische Gemeinde, die einst und bis zu den Verbrechen der Faschisten und Nationalsozialisten zu den bedeutendsten der Habsburgermonarchie und später Italiens zählte. Wie bedeutend die Gemeinde wirklich war, zeigt sich an der imposanten Synagoge, die von den Architekten-Brüdern Ruggero und Arduino Berlam geplant und 1912, also gleichfalls noch unter den Habsburgern, eröffnet wurde. Weitere Gotteshäuser sind die armenische Kirche, die 1859 geweiht wurde; die evangelisch-lutherische Kirche in neogotischen Stil aus 1870; die anglikanische Kirche in Form eines kleinen Tempels aus 1831; und die kleine San Silvestro, die aus dem 11. Jahrhundert stammt, als älteste Kirche der Stadt gilt und im Jahr 1785 nach dem Toleranzpatent von Kaiser Josef II. von der Helvetischen Gemeinde (Confessio Helvetica Posterior) ersteigert wurde. 

Bleibt noch die bedeutendste sprachliche Minderheit von allen: Die slowenische. Da die slowenischen Gläubigen mehrheitlich Katholiken sind, haben sie allerdings kein eigenes Gotteshaus, sondern halten ihre Messen in slowenischer Sprache in diversen Kirchen der Stadt, darunter etwa in der Kirche Sant’Antonio Taumaturgo am Ende des Canale Grande.
Interessanterweise sind all diese Kirchen und Gotteshäuser unter der Herrschaft der Habsburger entstanden, als Triest seine Blütezeit als reicher und größter Hafen des Kaiserreichs feierte und um ein ganzes Viertel mehr Einwohner zählte als heute. Damit erzählt die erstaunliche konfessionelle Vielfalt auch die beispielhafte Geschichte einer Stadt, die ihre größten und glorreichsten Zeiten dann erlebte, wenn sie sich für Menschen aus anderen Kulturen und Religionen öffnete.  

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