The return of the Marlboro Mann

Wer nicht mehr raucht ist länger froh: Dies ist der 5. Teil von unserer Serie Vom Marlboro Mann zum Marathon Mann.

Irgendwie war es nur ein Anruf, aber der bedeutete, die nächsten drei Monate sollte ich ein Buch fertigschreiben, aber nicht eines aus eigenem Antrieb. So etwas nennt man Gastautor. Dazu kam dann auch noch die Corona- Plage und da meine ich jetzt nicht das Bier. Aber alles von Anfang an.

Der Sommerurlaub ist finanziert Wenn ein Autor nur mehr „ja“ und „ja, gerne“ und „ja eh“, dann vielleicht noch ein „selbstverständlich!“ oder ein „ja freilich und wird erledigt!“ in das Mobiltelefon spricht und einige Notizen macht, hat er einen Auftrag bekommen, der nicht so schlecht besoldet wird. Meines Zeichens ein kleines Buch über Wunderkerzen und andere Leuchtkörper. Die Geschichte von damals bis heute. Das sollte mir den Sommerurlaub und einiges mehr finanzieren. Darum ließ ich einmal meine Gedanken an der Luftverschmutzung und an der Lärmbelästigung vorbeigleiten und plünderte das Netz nach brauchbarem Material.

Nach erledigter Arbeit machte ich auch noch einen Spaziergang durch den Stadtpark – nahe meinem Zuhause und da wartete sie schon, die Cohibar. In ihr Liliana, eine gute, alte Bekannte. Sie meinte, ich soll doch noch eine Zeit bleiben und ihr Gesellschaft leisten, so ist es ihr gleich weniger fad und mir auch. Ich schwang mich also auf einen Barhocker und bestellte mir einen Tequila Sunrise, das Lieblingsgetränk eines gewissen Mick Jagger im Jahre 1974, als das Leben noch Spaß machen durfte, so wurde es mir zumindest erzählt. Liliana machte mir schöne Augen, vor allem sehr große, um nicht zusagen übergroße und tanzte vor Glück, als ich mir noch einen genehmigte. Das kann sie wirklich perfekt, mich in einer Welt zwischen Fantasie, Blödheit und Glückseligkeit fangen.

Die Freundin mit dem Saugnapf Ach ja, jetzt habe ich Ihnen ganz und gar vergessen, Liliana vorzustellen. Es ist meine Stubenfliege. Sie hält sich gerne in meiner Bude auf und wenn es ihr fad wird, verzieht sie sich in diverse Cafés, Bars und wird dort oft sehr schnöde Barfly genannt. Gleich wie so manch eine Person. Sie hat sich noch nie daran gestoßen, dass ich ihre Vorgängerinnen beim gleichen Namen nannte. Die aktuelle Generation ist aber besonders hübsch, alleine wie sie mit der schwarzen Saugnapfzunge die orangen Reste meines Tequila Sunrise in sich hineinzieht und dabei ihren Rumpf kreisen lässt. Wow, könnte ich das, würde ich hier nicht mehr sitzen. Ach, Liliana! Ich kippte noch zwei runter und beobachtete dabei Lilianas vibrierende Bewegungen. Liliana tanzt mir gerne auf der Nase herum, wie nur selten jemand, doch soweit wollte ich es dieses Mal nicht kommen lassen. Ich verscheuchte sie, ging zahlen und und war dann alsbald im Bett.

Die Nacht war kurz und ich wachte auf, noch bevor meine Frau das traute Heim verließ. Ich blätterte kurz durch die Zeitung und fand ein Inserat. Graz Marathon. Das wäre es jetzt eigentlich. Jetzt nicht der Ganze, aber zumindest der Halbe. Nachdem der Marathon in Wien im April abgesagt wurde, findet zumindest der im Oktober in Graz statt. Ich schlüpfte in die Hose, zog meine altvertrauten Laufschuhe an, als ich zufällig über meine Frau stolperte und meinte, dass ich beim nächsten Marathon mitmachen werde. Sie meinte, dass ihr schon die 17-jährige Tochter reicht, wenigstens ich sollte in meinem Kopf 18 werden – aber das ist wieder eine andere Geschichte. Ich holte also meine vergammelten Laufschuhe aus dem Schuhkasten hervor und welch Wunder, sie passten noch. Ich hielt die Luft an und nahm mir vor, in sechs Monaten Marathon zu machen.

Das Laufen ist ein Genuss, saufen auch Ich hatte großes Glück. Während viele von uns plötzlich nicht wussten, was sie in der Corona-Zeit machen sollten, ging ich laufen, schreiben und Nachrichten schauen. Zur Freude meiner Umgebung, außer Liliane natürlich, waren sämtliche Kaffeehäuser und Bars geschlossen. „Endlich keine Rauschkugel mehr!“, hörte ich meine Familie singen, die dabei auf meine Wampe schaute, die eben wie die eines mitteleuropäischen Hängebauchschweins aussieht. Auch nicht unwichtig, der Körper freute sich auf die Bewegung und Liliane meinte, auch ihr würden einige Tage in Bewegung guttun. Aber da wusste noch niemand wie gut der Webshop beim Krispel funktioniert und auch wurde ich zu einem kleinen Gin-Experten, Schneeberger, GIN 1404, Manufaktur Müller oder der Blue Frog vom Selinschek – die Auswahl ist groß, Österreich war ja auch in der Quarantäne ein Garant für das hochprozentig Gute. Aber trotzdem: „Wer viel läuft, der wenig säuft!“, alte Säufer- äh Läuferweisheit!

Ich ging also laufen und schrieb mir die Finger wund. Das passiert mir öfters, aber in dieser ruhigen Atmosphäre war es wirklich genial. Als niemand raus wollte und sich niemand raus traute, hö, hö. Diese fast schon winterliche Stille im Frühling. Und plötzlich ging wieder ganz Österreich spazieren und laufen. Dementsprechend machten ihre Körper auch eher ungelenke Bewegungen, aber das war nicht mehr mein Problem. Meine Mozart-kugel wurde kleiner, der Feuerwerkskörperfabrikant wurde kapitelweise beliefert und zahlte mich nach wie vor. So ging es mir eigentlich die Monate ganz gut.

Das Buch „Bunte Lichter am schwarzen Himmel“ ist nun fertig und ich bin top in Form. So ganz unösterreichisch: Das Virus hat mich stark gemacht. Liliana ist leider gestorben. Aber sie hat einige Nachkommen hinterlassen. Zum Glück weiß ich noch immer was ich machen soll: Laufen, schöpfen und ein bisserl sündigen. In der Sünde simma halt auch zu Haus’, sonst wäre das Leben ein Graus. Beim Sommerurlaub einmal abwarten, gebucht kann noch immer werden. Im Herbst, am 11. Oktober, nehme ich jedoch den Graz Marathon in Angriff. Zumindest den Halbmarathon und das ist ja auch schon was.

Text von Martin G. Wanko