You are my gin, baby!

James Bond trinkt seit Anbeginn Martini Dry, die Queen Mum feierte mit Gin bis zum Umfallen. Dennoch war das Destillat bis vor einigen Jahren angestaubt und keiner der Multis hatte es auf der Rechnung, als Gin-Hexen in ihre Kräutergärten gingen und zu experimentieren begannen.

Heute vergehen keine drei Tage, in denen kein neuer Gin auf den Markt drängt. Mittlerweile soll es weltweit 6500 Gins geben. Das sind übertrieben viele, „denn man sollte nicht vergessen, wie schwer es ist, ein Produkt zu platzieren“, weiß Gernot Salomon, Barmann der Cohibar in Graz, zu berichten, „der Platz im Regal hinter der Theke ist hart umworben.“

Warum Gin und nicht Whisky oder Cognac in aller Munde ist, sieht Alexander Krauser, Mitbesitzer der Grazer Destillerie 1404 Gin, pragmatisch: „Whisky muss gesetzlich drei Jahre in Eichenfässern lagern – das heißt warten, dazu ist der Ausgang ungewiss. Drei Jahre umsonst warten ist auch hart. Bei Gin beginnt das Abenteuer gleich nach dem Brennen.“

Das Gin-Laben ist ein Experiment
Aber wie wird man als Österreicher zum Gin-Brenner? Der anerkannte Winzer Hansi Schneeberger ist zum Beispiel zu Silvester in einem Pub in Australien auf den Gin gekommen. Herbert Müller aus der Manufaktur Müller im Lavanttal wollte nicht, „dass der Gin ‚um die halbe Welt‘ reisen muss, bevor er zu uns kommt.“ Auffällig ist, dass in Österreich gerade die „junge Generation“ an Winzern sich dem Getränk sehr stark widmet. Als ob das ein Identifikationsmerkmal ist, etwas „Eigenes“ hervorzubringen. Vom Weinviertel bis in die Südsteiermark ist die Spur sichtbar.

Dazu kommt, dass Gin ein relativ breites Spektrum zum Experimentieren anbietet. Hansi Schneeberger sieht dies als Herausforderung:

„Den Kräuterhexen-Grundkurs braucht man schon und dann habe ich auch ein gutes Jahr getüftelt, bis ich meine spezielle Kräutermischung zusammengehabt habe.“

Aber man hat auch Möglichkeiten, weiß Bettina vom 1404er Gin zu berichten. „Wir haben zum Beispiel mit Pfirsich experimentiert. Das Aroma hat uns dann aber nicht zufrieden gestellt, weil der Pfirsich viele flüchtige Stoffe beinhaltet, die im wahrsten Sinne des Wortes verduften. Das Experimentieren erweitert aber das Spektrum.“

Kein Gin ohne Hexe
Die Sache fängt eigentlich schon beim Brennen an, weiß Robert Selinschek vom Blue Frog Gin zu berichten: „Das hochwertige Wasser kommt aus unserem hauseigenen Brunnen. Dazu wird die Brennerei mit unserem Holz befeuert, die Räumlichkeiten mit Hackgut beheizt und der Strom größtenteils aus einer betriebseigenen Photovoltaik erzeugt.“

Ja, so geht Nachhaltigkeit!

Die Hexen und Hexer kommen ans Werk, wenn’s um die Zugabe der Kräuter geht. Alexander Krauser vom 1404er bezeichnet die Blenderin Bettina als Miraculix und liegt damit nicht falsch. Es ist so etwas wie die Seele in der Flasche, der Flaschengeist, die Signatur des Gin-Blenders. Für den Herzbergland Dry Gin gehen die 1404er-Mädels und Buben eigens auf die Berge Kräuter sammeln, die ansonsten Fulltime-Jobs nachgehen. Da ist also viel Herz dabei, wenn man sich in der knappen Freizeit dem Brennen hingibt.

Botanicals aus der Umgebung, sehr reizend! „Aber man muss da jetzt bezüglich der Botanicals nicht große Geheimnisse machen“, meint Bettina, „es gibt unzählige Details, die nicht verraten werden, wie die unterschiedlichen Mischverhältnisse.“ Sehr spannend ist auch der Coffee-Cherry-Gin mit Kaffeekirschen aus Nicaragua, in Eichenfässern gelagert. Oida! Olé!

Schneeberger ist als Weinbauer sensorisch geschult, so entwickelte er Ideen, welche Botanicals für ihn in Frage kommt. Schneeberger Oak Gin, 18 Monate im französischen Eichenfass gereift, beinhaltet beispielsweise Hopfen, Lavendel und Holunder.

Seit 2010 brennt Robert Selinschek professionel. Sein jüngstes Baby ist sein Blue Frog Gin in drei Variationen. Neben dem klassischen London Dry, kommt der in Eiche gereifte Gin dazu. Der Chokeberry Style Gin beinhaltet die in der Südsteiermark angepflanzten Apfelbeeren. Robert Selinschek geht beim Brennen an seine Grenzen:

„Wenn gebrannt wird, dauert der Tag schon mal 18 Stunden.“

Das schmeckt man, ein Gin mit Seele aus der wilden Steiermark. Blick über die Pack gefällig? Des Müllers Gin kommt aus der Manufaktur Müller im Lavanttal. Mit Bränden und Essig erwarb sich die Manufaktur schon einen guten Ruf, weit über die Grenzen des Tals hinaus. „Schwarzbeere und Preiselbeere sorgen für den bodenständigen Charakter. Als echter Lavanttaler darf natürlich der Apfel nicht fehlen. Bei uns kommen alle Botanicals aus dem Lavanttal. Sogar den Koriander und den Lavendel bauen wir im Hausgarten an. Unser Gin ist eben ein Kind der Region“, so Herbert Müller.

Die Zeit danach und das Tonic
Natürlich kommt es auch auf die Zeit danach an, so Schneeberger: „Nach dem Brennen braucht unser Gin die Zeit in Steingutfässer, um zur Ruhe zu kommen und so kann er dann sein ganzes Potenzial entfalten. Erst danach wird er in Flaschen gefüllt.“

Von den Gin-Gurus ist zu hören, ohne das passende Tonic geht gar nix, und damit liegen sie nicht so falsch. Die 1404er kreierten dazu noch ein eigenes Ginger Ale, ein eigenes Tonic und eine eigene Abfüllanlage für ihre Mixgetränke. Vor Ort ist es spannend, ihnen zuzuschauen, wie intensiv sie am Werken sind. Dazu erinnert die „ehemalige“ Industriezone in Graz auch an das viktorianische London.

„Nein, der Gin-Boom hält weiterhin an und erfreut sich hoher Beliebtheit und ich glaube, dass die Beliebtheit sich eher noch steigern wird“, schätzt Schneeberger die Lage ein.

Klar, den einen oder anderen Gin Tonic sollte man auf die Queen Mum trinken. Die Queen Mum wurde damit 101 Jahre alt, hat den Gin bereits im letzten Jahrtausend bei Regenwetter neben Winston Churchill und kaltem Tabakrauch getrunken, als andere noch bei Sonnenschein mit großen Sonnenbrillen und bunten Gewändern einen Campari Orange auf Capri tranken und das aufregend fanden. Ah ja, zum Gin Tonic die Gurke nicht vergessen, und wenn Sie Ihre Hand noch am Mobiltelefon haben, eine Wette auf die Pferde oder die Hunde machen.

Schneeberger Gin
Das Bollwerk im Süden: Beim Dry Gin verwendet Winzer und Gin-Hexer Hans Schneeberger 27 fein abgestimmte Botanicals. Ein Gin mit Maß und Ziel. Und natürlich der Oak Gin aus der französischen Eiche. Bis nach Australien sind der Hansi und sein Gin schon bekannt.
www.schneeberger-destillate.at

1404 GIN
Der moderne Metropolen-Gin aus Graz. Im Areal der Leder & Schuh AG ist der 1404 Gin beheimatet. Benannt nach dem Geburtstag des Destillats fabrizieren die Jungs und Mädels u.a. einen glatten London Dry und versuchen das Gesamtkunstwerk, nämlich auch gleich das Tonic und das Ginger Ale (nicht zu süß!), im gleichen Haus zu erstellen.
www.GIN1404.at

Manufaktur Müller
Das Lavanttal hat viele Helden, einer ist der Herbert Müller. Alles ohne künstliche Aromen und Farbstoffe. Der Lavanttaler Gin sollte laut Herbert Müller auch einmal pur getrunken werden. Er ist ein Spiegel des Lavanttalers: Hart, aber herzlich.
www.manufaktur-mueller.at

Robert Selinschek
Blaue Frösche kann man schon mal sehen, wenn man zu viel erwischt hat, oder man stößt auf einen Brenner aus Leidenschaft: Robert Selinschek: In seinem Blue Frog Gin kommen 15 Botanicals und mehr, dazu Wasser aus seinem eigenen Brunnen.
www.bluefrog.at

Text von Martin G. Wanko

Bild: Christopher Mavric

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