TEXT GEORGE DESRUES
Es ist ein ganz besonderes Vergnügen, mit dem Auto die steilen und kurvigen Straßen von Triest hinauf aufs Karstplateau zu fahren und nach den Zweig-Büscheln und hölzernen Pfeilen Ausschau zu halten, die den Weg zu den Osmize weisen. Darunter versteht man die lokale Version der Buschenschanken beziehungsweise Heurigen, wie man sie aus Ostösterreich kennt. Ihr Name leitet sich vom slowenischen Wort „osme“ – acht – ab und rührt daher, dass sie ursprünglich nur acht Tage am Stück geöffnet beziehungsweise „ausgesteckt“ hatten.
Das war gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als der Habsburgerkaiser Josef II seine berühmte Zirkularverordnung – auch Heurigen-Patent genannt – erließ, die es den Winzern unter seinen Untertanen erlaubte, ihren Wein selbst und am eigenen Hof auszuschenken. Zu besagten Untertanen zählten damals bekanntlich auch die Bewohner des „Adriatischen Küstenlandes“ in und um Triest – und somit auch die vorwiegend slowenischsprachigen Winzer am Karstplateau.
Vom Karst- bis zum Starwinzer.
Sie sind es, die diese Tradition bis heute am Leben halten – wenngleich die Dauer des Aussteckens inzwischen längst nicht mehr auf acht Tage beschränkt ist. Die Betreiber der Osmize (Einzahl Osmiza, Slowenisch Osmica) lassen sich in drei Kategorien unterteilen. Da gibt es, zum einen, jene, die Wein ausschließlich für den Heurigenbetrieb erzeugen, diesen also auch gar nicht in Flaschen abfüllen, sondern lediglich direkt vom Fass ausschenken. Dann sind da solche, die zudem eine – meist bescheidene – Menge an Flaschen erzeugen und etikettieren. Und schließlich gibt es auch noch einige sogenannte Starwinzer, die neben ihren hochpreisigen Bouteillen, die sich in manchen Fällen in den angesagtesten Restaurants von Tokio bis New York finden, auch noch einen günstigeren Fasswein speziell für den Heurigenbetrieb anbieten.
Welchen gesetzlichen Beschränkungen die Betriebe unterliegen, lässt sich angesichts des für Italien nicht unüblichen bürokratischen Auflagen-Dschungels nicht immer genau bestimmen, abgesehen davon, dass sie sich offenbar von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich ausfallen können. In der Regel dürfen die Osmize ausschließlich Wein, Wasser und hausgemachte Säfte anbieten. Und auch Speisen wie Prosciutto, Salami etc. müssen im Haus beziehungsweise am Hof erzeugt werden. Ausnahmen gibt es lediglich für den Käse, der zugekauft werden darf. Warme Gerichte sind in der Regel nicht zugelassen, es sei denn, es handelt sich laut offizieller Terminologie nicht um eine Osmiza, sondern um einen Betrieb mit Agriturismo-Lizenz.
Slowenische Einflüsse außerhalb Sloweniens.
Immer wieder kommt es vor, dass Besucher aus Slowenien sich darüber wundern, dass es in und um Triest derartige, von Slowenischsprachigen betriebene Buschenschanken gibt, die sie aus ihrer eigenen Heimat nicht kennen. Dabei gab es in früheren Zeiten freilich auch in Slowenien Osmize. Diese fielen allerdings der sozialistischen Planwirtschaft zum Opfer, für die ein Direktverkauf von Wein oder sonstigen Waren aus ideologischen Gründen naturgemäß stets ein Ding der Unmöglichkeit war. Vielmehr mussten die Weinbauern zu Zeiten Jugoslawiens ihre Trauben an eine Kooperative abliefern, die sie presste, den Wein abfüllte und vermarktete.
Seit der Unabhängigkeit Sloweniens hat sich das geändert, doch wie immer ist es schwer, verschwundene Traditionen wieder aufleben zu lassen – wenngleich sich heutzutage auch auf der in Slowenien liegenden Seite des Karstplateaus immer wieder der eine oder andere Buschen blicken lässt.
In Triest und seinem Umland indessen erfreuen sich die Osmize gewaltiger Beliebtheit. Verständlicherweise lieben es die Triester, an sonnigen Frühlingstagen in Weingärten unter blühenden Apfelbäumen zu sitzen; an heißen Sommertagen vor der Hitze der Stadt zu flüchten; sich an windigen Herbst- oder eisigen Wintertagen in den Stuben zu wärmen.
Dazu nutzen sie freilich nicht immer das Auto, sondern auch gerne die öffentlichen Verkehrsmittel. Und zudem eine sehr kommode App, die nicht nur jene Osmize listet, die gerade ausgesteckt haben, sondern zudem, was sie anbieten und mit welcher Buslinie (beziehungsweise mit der einzigen Straßenbahnlinie, falls die nicht wieder einmal außer Funktion ist) sie zu erreichen sind.
TEXT GEORGE DESRUES
Auf der Homepage OSMIZE beziehungsweise der dazugehörigen App werden die Aussteck- und Öffnungszeiten der Osmize gelistet.
Osmiza Kus
Äußerst einfache und puristische Omsiza mit sagenhaftem Ausblick auf Stadt und Golf. Keine Flaschenweine.
Große und äußerst beliebte Omsiza in absoluter Prachtlage mit Aussicht im Karst-Ort Contovello
Gediegene Osmiza von einem der Superstars unter den Karst-Winzern mit großer Aussichtsterrasse und edlen Weinen!
