Interview: Martin G. Wanko
Die katholische Kirche prägte die abendländische Kunstgeschichte maßgeblich als Förderin von Architektur, Malerei und Bildhauerei. Nach 1945 entstanden Spannungen, da besonders die „68er-Künstler“ die Rolle der Kirche während der NS-Zeit und ihre reaktionären Züge kritisierten. Trotz dieser Diskrepanzen bleiben christliche Symbole und Feiertage wie Ostern ein wichtiges Thema in der Kunst. Der Grazer Galerist und Kunstsammler Gerhard Sommer, Wegbegleiter von Hermann Nitsch und Günter Brus, kennt die Hintergründe und spricht mit 40plus.
Hermann Nitschs Werk ist tief mit religiösen Motiven verwoben, und Ostern – als Zeit der Passion, des Todes und der Auferstehung – spielt eine zentrale Rolle in seinem Orgien Mysterien Theater (OMT). Warum eigentlich?
Aus Sicht eines Galeristen ist das nur konsequent. Hermann Nitsch hat mit seinem OM-Theater nie bloß provozieren wollen, sondern ein Gesamtritual geschaffen. Ostern bündelt zentrale Motive: Opfer, Blut, Leid, Transformationen und Erlösung. Nitsch hat diese religiösen Bild- und Handlungscodes radikalisiert und in eine theatralische Form überführt. Für den Kunstmarkt wie für das Publikum ist das hoch spannend.
Günter Brus Zitate aus seiner Spontan-Zeichnung lauten: „Schatzi, die nächsten Ostern fallen schon wieder auf Sonntag und Montag.“ Oder „Rohe Ostern“ – die Kirche bzw. Ostern war auch für Günter Brus ein Thema, oder?
Brus war nicht religiös. Günter Brus war wie Nitsch Teil jener Generation, die katholische Prägung nicht ignorieren konnte. Das ironische Spiel mit Ostern ist weniger eine theologische Auseinandersetzung als eine sprachliche und kulturelle Reibung. Für Sammler ist gerade diese Ambivalenz interessant: Brus‘ Werk lebt von der Spannung zwischen Blasphemie und existentieller Ernsthaftigkeit.
Im Arnulf Rainer Museum, in Baden, gibt es eine namentliche „Osterwerkstatt“, wo Kinder basteln, malen und formen. Wäre das dem kirchenkritischen Künstler recht gewesen?
Arnulf Rainer war kirchenkritisch, ja, aber nicht spirituell gleichgültig. Seine Übermalungen von Kreuzen und Christusdarstellungen sind keine bloße Ablehnung, sondern eine intensive Auseinandersetzung. „Osterwerkstatt“ für Kinder im Museum sehe ich eher als Vermittlungsangebot denn als religiöses Bekenntnis.
Anlässlich der Arnulf Rainer-Ausstellung im Wiener Stephansdom (aus der Sammlung des Unternehmers Werner Trenker) erklärte Rainers Rechtsvertreter, Rainers Kreuze seien für den Künstler ein Akt der persönlichen Befreiung ohne sakralen Bezug. Rainer lehnte die Ausstellung ab, klagte aber nicht. Die Werke werden nun seit dem 17. Februar 2026 neben einem Kreuz von Alfred Hrdlicka im Stephansdom gezeigt. Hätte der nun letztes Jahr verstorbene Künstler Chancen auf eine Verhinderung gehabt?
Im Stephansdom Kunst zu zeigen ist immer symbolisch aufgeladen. Wenn die Werke rechtmäßig im Besitz einer Sammlung sind, ist eine Ausstellung grundsätzlich möglich. Ohne vertragliche Einschränkung oder Urheberrechtsverletzung wären die Chancen auf eine Verhinderung eher gering gewesen. Das Rainers Kreuze nun neben einem Werk von Alfred Hrdlicka gezeigt werden, schafft allerdings eine kunsthistorisch spannende Konstellations-Befreiungsgeste hier, expressiven Realismus dort. Das ist weniger ein Skandal als vielmehr eine spannende Gegenüberstellung – ein Raum für Diskussionen, für unterschiedliche Haltungen und Sichtweisen. Aus galeristischer Sicht also: kein Eklat, sondern ein Dialog.

Es geht auch anders: Alfred Hrdlicka (1928–2009) war ein österreichischer Bildhauer, der trotz seines bekennenden Atheismus eine komplexe und energische Beziehung zur katholischen Kirche pflegte. Er schuf bedeutende kirchliche Kunstwerke, darunter die Skulptur für die NS-Märtyrerin Schwester Restituta im Wiener Stephansdom. Wie sehen Sie seinen Zugang?
Alfred Hrdlicka war ein politischer Bildhauer. Sein Atheismus hat ihn nicht daran gehindert, religiöse Räume als gesellschaftliche Bühnen zu begreifen. Hrdlicka verstand die Kirche als historischen Macht- und Erinnerungsraum. Für uns im Kunstbetrieb ist das ein Beispiel dafür, wie produktiv Reibung sein kann – nicht Anpassung, sondern Konfrontation schafft Relevanz.
Von Erwin Wurm gibt es den „Hochaltar“ und den „Fastenpullover“, es zeigt also, dass auch die jüngere Kunst die Kirche nicht kalt lässt, oder?
Erwin Wurm arbeitet konzeptuell, oft humorvoll. Werke wie „Hochaltar“ oder „Fastenpullover“ zeigen, dass religiöse Symbolik weiterhin Resonanzraum ist.
Persönlichkeiten wie der frühere Domprediger Monsignore Otto Mauer oder der heutige Dompfarrer Anton Faber konnten und können im Ausstellungsbereich Akzente setzen. Finden Sie den Dialog wichtig?
Unbedingt. Otto Mauer war eine Schlüsselfigur für Avantgarde in Österreich. Und Anton Faber steht heute für einen offenen Kulturbegriff. Und man darf Hermann Glettler nicht vergessen. Als Stadtpfarrer in Graz hat er die Andräkirche zu einem Ort avanciert, an dem zeitgenössische Kunst selbstverständlich Teil des kirchlichen Lebens wurde. Heute setzt er als Bischof von Innsbruck österreichweit beachtete Kunstprojekte um und positioniert die Kirche als aktiven Kulturträger.
Der Dialog zwischen Kirche und Kunst ist kein Luxus, sondern kulturelle Notwendigkeit. Beide Seiten profitieren: Die Kirche bleibt gegenwartsfähig und die Kunst gewinnt Resonanzraum.
Gleichzeitig bietet die Kirchengestaltung Künstlern nach wie vor lukrative Möglichkeiten zur Mitwirkung. Welche Kirchen sollte man sich anschauen? (Steiermark, Kärnten, Rest-Österreich).
Steiermark:
Andräkirche, Graz
Pfarrkirche St. Andrä im Sausal
Hundertwasserkirche Bärnbach
Rest:
Stephansdom, Wien
Wotrubakirche
Pfarrkirche St. Johann im Walde
