Magenta Telekom CEO Thomas Kicker im Gespräch mit 40plus über den sinnvollen Einsatz von KI, Verantwortung im Unternehmen und gegenüber dem Endkunden.
Man schreibt Ihnen eine umfassende Expertise in den Bereichen Telekommunikation, Digitalisierung sowie künstliche Intelligenz zu. Würden Sie zustimmen, dass KI die konsequente Weiterentwicklung der Digitalisierung darstellt, indem sie die Transformation analoger Abläufe in digitale Datenformate vollendet?
Teilweise. Künstliche Intelligenz ist eine konsequente Weiterentwicklung der Digitalisierung und stellt zugleich einen bedeutenden Qualitätssprung dar: Während die Digitalisierung die technologische Infrastruktur und die notwendigen Daten bereitstellt, nutzt KI diese Informationen aktiv, verarbeitet sie, interpretiert Zusammenhänge und unterstützt automatisierte Entscheidungen sowie Optimierungsprozesse.
Um den Datenschutz zu wahren, investieren Telekommunikationsunternehmen massiv in eigene Rechenzentren, um Unternehmensdaten nach europäischen Standards zu verarbeiten – ist das nötig?
Ja, dort wo sensible Daten verarbeitet werden, das ist aus meiner Sicht notwendig. Datenschutz ist weit mehr als eine regulatorische Verpflichtung, er bildet die Grundlage für Vertrauen in digitale Technologien. Gerade in Europa sind die Anforderungen an Sicherheit, Compliance und den verantwortungsvollen Umgang mit Daten besonders hoch. Mit dem zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz gewinnt dabei auch das Thema Datensouveränität weiter an Bedeutung. Deshalb halte ich es für sinnvoll, dass KI-Lösungen für den europäischen Markt auch unter Berücksichtigung europäischer Werte, Standards und Anforderungen entwickelt und betrieben werden.
Sie thematisieren in Ihrem Vortrag u.a. mit der Folie „KI und Geopolitik“ sehr anschaulich unsere massive Abhängigkeit von den USA und China im Bereich der Cloud-Technologie und Künstlichen Intelligenz. In diesem Zusammenhang wird gelegentlich das Szenario diskutiert, dass ein US-Präsident Europa den Zugang zu diesen Technologien schlichtweg kappen könnte. Halten Sie eine solche Entwicklung tatsächlich für denkbar?
Technologie-Ökosysteme sind heute global eng miteinander verflochten, wirtschaftlich von hoher Bedeutung und zugleich geopolitisch äußerst sensibel. Ein vollständiges Abkoppeln einzelner Märkte oder Technologien wäre mit erheblichen wirtschaftlichen und diplomatischen Konsequenzen verbunden. Gleichzeitig zeigen die aktuellen geopolitischen Entwicklungen, dass selbst langjährige und stabile Partnerschaften nicht als selbstverständlich betrachtet werden können. Deshalb halte ich es für wichtig, Europa technologisch so aufzustellen, dass wir auch in einem zunehmend unsicheren Umfeld handlungsfähig und wettbewerbsfähig bleiben.
Die Diskussion verdeutlicht vor allem eines: Digitale Souveränität ist keine abstrakte Zukunftsfrage mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit. Dabei geht es für mich nicht darum, dass Europa künftig jede Technologie selbst entwickeln muss. Entscheidend ist, dass wir Optionen und belastbare Alternativen haben. Wer bei kritischer digitaler Infrastruktur vollständig von einzelnen Anbietern oder Regionen abhängig ist, verliert im Ernstfall Handlungsspielraum. Deshalb müssen wir eigene Kompetenzen und Infrastruktur in Europa stärken und Schlüsseltechnologien dort verankern, wo es strategisch notwendig ist.
Die Deutsche Telekom und damit auch Magenta nehmen dabei eine aktive Rolle ein. Mit dem Aufbau einer eigenen Industrial Cloud in München setzen wir ein klares Zeichen für europäische Datensouveränität und schaffen eine leistungsfähige Infrastruktur, die europäischen Sicherheits- und Datenschutzstandards entspricht. Damit reduzieren wir nicht nur die Abhängigkeit von außereuropäischen Technologien, sondern stärken gleichzeitig die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen.

Der für 2026 in Deutschland geplante KI-Telefonassistent „Hey Magenta“ von T-Mobile ist tief in die Netzinfrastruktur integriert, statt als separate App zu fungieren. Zu seinen Funktionen zählen die Live-Übersetzung von rund 50 Sprachen sowie die Option, sich auf Wunsch aktiv in Telefonate einzuschalten, diese aufzuzeichnen oder Zusammenfassungen zu erstellen. Auch wenn dies unter strengen Datenschutzauflagen geschieht, bleibt bei vielen Nutzern ein gewisses Unbehagen zurück. Können Sie diese Vorbehalte nachvollziehen?
Das ist ein spannendes Beispiel dafür, wie der Einsatz von KI nativ in unserem Netz aussehen kann und welchen konkreten Mehrwert solche Anwendungen künftig bieten können. Dabei steht die volle Kontrolle der Nutzerinnen und Nutzer über ihre Daten für uns an erster Stelle. Gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz entscheidet nicht allein die technologische Leistungsfähigkeit über den Erfolg einer Lösung, sondern vor allem das Vertrauen der Menschen, die sie nutzen.
Deshalb basiert der Einsatz unserer KI-Funktionen konsequent auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Die Aktivierung erfolgt ausschließlich durch die Nutzerinnen und Nutzer selbst, und auch bei Funktionen wie Transkriptionen oder automatisierten Zusammenfassungen ist eine ausdrückliche Zustimmung aller Beteiligten erforderlich. Gleichzeitig legen wir großen Wert auf einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten. Aufzeichnungen werden nicht dauerhaft gespeichert, sondern nur temporär verarbeitet, während die erzeugten Textprotokolle ausschließlich im jeweiligen Nutzerkonto abgelegt werden.
Die Branche ist derzeit stark in Bewegung: So reduzierte der US-Software-Riese Oracle im vergangenen Geschäftsjahr sein Personal um etwa 21.000 Stellen – ein Minus von 13 Prozent. Als einer der wesentlichen Gründe für diesen massiven Stellenabbau gilt die zunehmende KI-Integration in die Betriebsabläufe.
Ein Blick auf die ökonomischen Aspekte: Welche Prognose wagen Sie für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz innerhalb der kommenden fünf Jahre?
Künstliche Intelligenz wird den Arbeitsmarkt nachhaltig verändern. Wie jede technologische Revolution bringt sie sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich. Entscheidend ist jedoch nicht die Technologie selbst, sondern wie wir diesen Wandel gestalten und unsere Mitarbeitenden dabei unterstützen, sich weiterzuentwickeln und neue Kompetenzen aufzubauen.
Kurzfristig kann es in einzelnen Bereichen zu Veränderungen von Berufsbildern und auch zu einem Rückgang bestimmter Tätigkeiten kommen. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Aufgabenfelder und Karrieremöglichkeiten. Während einige Fähigkeiten an Bedeutung verlieren, gewinnen andere zunehmend an Relevanz, insbesondere Kreativität, kritisches Denken, Innovationskraft sowie der kompetente Umgang mit neuen Technologien. Gleichzeitig erhöht KI die Geschwindigkeit, mit der wir arbeiten und Innovationen vorantreiben können. Aus meiner Sicht werden dabei nicht Menschen durch KI ersetzt. Vielmehr werden jene Unternehmen und Personen einen Wettbewerbsvorteil haben, die KI sinnvoll einsetzen und ihre Potenziale nutzen.
Deshalb ist es entscheidend, ein grundlegendes Verständnis für Künstliche Intelligenz in der gesamten Organisation zu etablieren. Dafür braucht es gezielte Trainings- und Weiterbildungsangebote auf allen Ebenen eines Unternehmens. Unser Ziel ist dabei nicht nur, Effizienz zu steigern, sondern vor allem die Qualität unserer Arbeit und den Mehrwert für unsere Kundinnen und Kunden zu verbessern. Aus diesem Grund verfolgen wir konsequent den Ansatz „AI Literacy für alle“. Denn wenn Führungskräfte die Möglichkeiten und Grenzen von KI nicht verstehen, wird sich die Technologie auch in der Organisation nicht nachhaltig etablieren können.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Führungskräfte von Tech-Giganten wie Apple, Google und Facebook ihre Kinder bevorzugt auf Waldorfschulen schicken. Da diese Pädagogik in der Unterstufe bewusst auf Computer verzichtet und stattdessen die Kreativität durch klassische Mittel wie Stift, Papier und Tafel fördern möchte – entspricht dieser Ansatz auch Ihrer persönlichen Überzeugung?
Ich verstehe den Gedanken dahinter sehr gut. Gerade bei Kindern halte ich bildschirmfreie Zeit für sehr wichtig. Sie brauchen den Raum, ihre Persönlichkeit zu entfalten, kreativ zu sein und eigenständig denken zu lernen. Dafür muss nicht jeder Impuls von einem Bildschirm kommen.
Gleichzeitig ist es wichtig, früh ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie Technologie funktioniert und welche Rolle sie im Alltag und später in der Arbeitswelt spielt. Aus meiner Sicht geht es darum, zunächst das Denken zu lernen und darauf aufbauend den bewussten Umgang mit technologischen Werkzeugen zu entwickeln. Gerade bei Kindern braucht es dabei klare Leitlinien und insbesondere in jungen Jahren entsprechende Begleitung.
Ziel sollte es sein, Selbstständigkeit, Kreativität und eigenständiges Denken zu fördern und gleichzeitig die Möglichkeiten digitaler Werkzeuge verantwortungsvoll nutzen zu können. Technologie soll menschliche Fähigkeiten erweitern, nicht ersetzen. Entscheidend ist für mich deshalb eine gesunde Balance zwischen digitalen Möglichkeiten und bewusst analoger, auch bildschirmfreier Zeit.
Das Gespräch führte Martin G. Wanko
Fotos: Magenta Telekom / Marlene König
