Immer tief durchatmen, die Freiheit tut nicht weh. denn Aber der Weg dorthin.

Viktor Kröll ist ein Gesamtkunstwerk. Seine Arbeit endet nicht in der Kunst, sondern an seiner Person.

Nicht nur weil Viktor Kröll im Mai 40 wird, führen wir hier dieses Gespräch. Viktor Krölls Kunst kennen 1000de Steirer, ohne zu wissen, dass sie von ihm ist. Von Viktor Kröll stammt die künstlerische Gestaltung der Gefängnismauer der Karlau. Bis dorthin war es aber ein breiter Weg. Fazit: Der Hund is a Wahnsinn!

Viktor Kröll war nicht nur Werbetexter. Er wollte sogar eine Dissertation darüber schreiben, wie man mit Werbung die Welt retten könnte. Werber-Legende, Walter Lürzer, konnte ihn gerade noch vom Gegenteil überzeugen. „Danach kam langsam die Einsicht: Man kann nicht andere zu etwas auffordern, was man selbst nicht lebt! Heute bin ich davon überzeugt, dass jeder einzelne seine Welt verbessern kann, wenn die Person ihre Bedürfnisse transformiert: mehr Qualität statt Quantität – in allen Lebensbereichen.“ Das funkt aber nicht von heute auf morgen. In den letzten 10 Jahren hat Kröll seine Bedürfnisse vollkommen auf den Kopf gestellt, das geht nicht ohne Krise ab, aber Kröll ist ein harter Hund und hat alles gerockt. Bilanz: „Jeder Mensch kann sich von Grund auf ändern – er muss nur wollen!“

„Frei ist, der sich nichts und niemandem unterwerfen muss. Auch keinen Sachzwängen.“

Heute stehen mir übers Jahr weniger als die Hälfte der Mittel zur Verfügung, die ich früher hatte, und trotzdem lebe ich heute qualitativ besser, als vorher. Zum Beispiel: keine Gastritis!

„Ich besitze abgesehen von meinen Werken praktisch nichts. Meine Frau meint, ich wäre ein gutes Beispiel für die Philosophie der Permakultur – die Fähigkeit ein System zu analysieren und durch sensible Eingriffe so zu verändern, dass es nachhaltig Ertrag abwirft.“ Sein Ziel ist dabei immer eine Win-Win-Situation. Das ist eine große Herausforderung, das weiß auch Kröll. Aber eben: Man muss auch an die eigene Substanz ran, sonst funkt das Ding mit der permanenten Verwandlung nicht: „Nur wenn ich die Win-Win-Situation schaffe, bleibe ich niemandem etwas schuldig: so komme ich dem Begriff Freiheit näher.“

Und dort wo der Change stattfindet, man sich das Stück Freiheit kompromisslos erarbeitet, bekommt man vom Universum auch etwas zurück, in Krölls Fall ein delikates Kunstwerk, die Gestaltung der Mauer vom Grazer „Häfen“, der Karlau: „Ende 2012/Anfang 2013 wurde die Mauer saniert.

„Ich glaube, es gibt keinen besseren Ort als das Gefängnis, um Zen-Meister zu werden.“

„Ich hab die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und meine Idee dem Justizministerium präsentiert.“ Elisabeth Fiedler, von Kunst im Öffentlichen Raum Steiermark und ihr Team unterstützen Kröll bei der Realisierung.

Wie fad muss einem sein, dass man die Signalhörner sämtlicher Einsatzfahrzeuge in Graz zu unterscheiden lernt?

Auch ein Freigänger unterstütze die Truppe. „Der hat sehr fleißig mitgearbeitet. Durch ihn habe ich sehr viel übers Drinnen sein erfahren. Nur ein Beispiel: Als während der gemeinsamen Arbeit einmal in der Ferne das Signalhorn eines Feuerwehrautos ertönte, hat er sofort zuordnen können, um welches Fahrzeug es sich im Detail handelte.“ Und schon wird die ganze „Häfenromantik“ durch eine Klospülung entsorgt, das Leben ist eben kein Kinofilm. Wenn es im Knast gerade nicht brutal zugeht, dann ist es fad.

„Die Freiheit gibt einem überhaupt nichts. Wer aber aufhört danach zu streben, der unterwirft sich äußeren Zwängen und wird zu deren Sklaven.“

Aber auf Kröll lauert die Zukunft und er auf sie: „Ich arbeite an mehreren Projekten. Das eine ist der ‚pagane Beichtstuhl‘, mit dem ich auf Tour gehen möchte.“ Dabei handelt es sich um eine temporäre Installation, die man an Parkbäumen befestigt, damit die Parkbesucher den Bäumen dann ihre Öko-Sünden beichten können. Solche Beichtstühle wären auch für die Steiermark sehr brauchbar.

Das kollektive Abbilden des öffentlichen Raums. Kröll klickt sich ein. Es gibt also wieder etwas zum Schauen!

Ein weiteres Projekt heißt „Cloud Consciousness“: Es geht darum, das kollektive Bewusstsein von Orten, Institutionen und Unternehmen abzubilden. Dabei verwendet Kröll dieselbe pointillistische Technik, wie an der Karlau – gemeinsam mit den Leuten vor Ort bemalt er die Wände: „Es ist eine Mischung aus Kunst am Bau und Teambuilding-Seminar.“

Buy a Kröll! Der Künstler lebt zwar in Italien, ist aber in Österreich durch die „galerie GALERIE“, Bürgergasse 5, in Graz www.galeriegalerie.com vertreten. Die Werke dort sind nicht auf Wände gemalt, sondern auf Papier, den Presslufthammer also getrost zu Hause lassen. www.viktorkroell.com

Text von Martin G. Wanko