Sehen Sie die Aufweichung der „Klimaziele 2040“ als Rückschritt?
Christian Rakos: Offen gesagt nein, denn unrealistische Ziele sind aus meiner Sicht nicht besser, nur weil sie ambitionierter sind. Unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen wird es nicht möglich sein, die Pariser Klimaziele zu erreichen. Natürlich müssen wir trotzdem so ambitioniert wie möglich an der Energiewende arbeiten, denn unkontrollierte weitere CO2-Emissionen würden unabsehbare Folgen haben.
Rechte Politik in den USA ist die Politik der Klimawandelleugner. Nun erlebten die USA einen sehr harten Winter. Ändert das nicht auch die Meinungen so mancher US-Bürger?
Rakos: Die amerikanische Gesellschaft ist in einem derart hohen Maß von Desinformation geprägt, dass ich wenig Hoffnung habe, dass sich in diesem Land etwas tut, bevor sie merken, dass ihnen der Rest der Welt mit erneuerbarer Energie das Wasser abgräbt bzw. dass sie mit ihrer Politik plötzlich alleine und ohne Verbündete dastehen.
Sie sind Präsident der Weltorganisation für Bioenergie. Ziel ist die Nutzung von festen Biobrennstoffen und Biogasen. Wie schaut es in der Beliebtheit bzw. Verfügbarkeit von Bio-Solar- und Windenergie aus?
Rakos: Die Beliebtheit von erneuerbarer Energie ist grundsätzlich gegeben, es herrscht ein breiter Konsens in der Bevölkerung, dass es eine Energiewende geben muss. Jenseits dieses grundsätzlichen Konsens gibt es aber auch bei uns eine Fülle an Desinformation, leider zum Teil auch von Umweltorganisationen verbreitet, die Zweifel an allen möglichen Lösungen hegen, mit zum Teil nachweislich falschen Argumenten. Hinter der Desinformation – auch der durch Umweltorganisationen – steckt meiner Meinung nach die fossile Energiewirtschaft und sehr viel Geld aus Amerika.
China ist weltweit führend beim Ausbau erneuerbarer Energien und hat 2024 mit 277 GW Solar- und 79 GW Windkraft Rekordwerte erreicht, wodurch Ziele für 2030 vorzeitig übertroffen wurden. Bezüglich der Effizienz: Was haben die Chinesen, was uns fehlt?
Rakos: China geht strategisch und konsequent vor – beides könnte bei uns ausgeprägter sein. Dazu kommt eine extreme Form der Leistungsgesellschaft, von der ich froh bin, dass es sie bei uns nicht gibt.
Mittlerweile ist es möglich, Holzbrennstoffe so gut wie emissionslos zu verbrennen: Daten des Umweltbundesamt zeigen, dass durch den Einsatz von Biomassekessel bis 2050 Staubemissionen um 90 % sinken werden. Stimmt Sie das positiv?
Rakos: Grundsätzlich ja, das sind die Fakten, aber die weitverbreitete Meinung ist trotzdem, dass elektrisch heizen mit Wärmepumpen besser ist. Ich denke, da wird es noch ein großes Aufwachen geben, wenn die Strompreise im Winter immer höher werden.

„Verrückterweise lief gerade in der Anfangsphase des Ukraine Kriegs eine sehr aggressive PR Kampagne gegen Bioenergie, die dazu führte, dass die EU ihre Prioritäten anders gestaltete. Inzwischen zählen ja auch die USA, die heute rund 50 % der Importe von verflüssigtem Erdgas nach Europa liefern, zu den problematischen Partnern, auf die man sich nicht mehr verlassen kann.“
Christian Rakos
Angesichts der täglichen Willkür und Machtpolitik von Ost und West – getrieben durch Öl und Gas als fossile Kriegsressourcen – erhöht jeder Ölkessel die Anfälligkeit Österreichs und die Wertschöpfung kriegführender Länder. Im Gegensatz dazu stabilisiert und stärkt jede heimische Wärme- und Energiequelle, die wir noch dazu speichern können, das Land. Sehen Sie das auch so?
Rakos: Ja, wobei ich die Abhängigkeit von Erdgas für ebenso problematisch halte. In der Ukraine sehen wir zudem, wie sehr die Versorgung mit Strom zum Ziel einer kriegerischen Auseinandersetzung werden kann und ich denke, das sollte jedem zu denken geben, der bei der Wärmeversorgung alles auf die Karte Wärmepumpe setzt oder setzen will.
Was sagt die Zukunft?
Rakos: Wir sind als menschliche Zivilisation in einen labilen Zustand geraten und ich kann noch keine Anzeichen erkennen, dass wir bereits auf eine neue Stabilität zusteuern. Das bedeutet, dass wir beweglich bleiben müssen, um auf neue Überraschungen flexibel reagieren zu können. Es bedeutet auch, dass wir uns den kritischen und gut informierten Blick auf das Geschehen bewahren müssen und nicht dem manipulierten Geschwätz der sozialen Medien auf den Leim gehen sollten. Guter Journalismus ist daher wichtiger denn je und wir können dankbar sein, dass wir in Österreich dafür noch einigermaßen intakte Strukturen haben.

