Heimat, oida!

Es gibt in Graz zwei schreckliche Tage im Jahr, das sind der Faschingsdienstag und der Tag der Aufsteirer. An beiden Tagen kann man zu Idioten-Techno bereits um 4 am Nachmittag ungestraft auf den Tischen in so manchem Innenstadt-Lokal tanzen. Beide Tage haben mit Heimat und Tradition zu tun. Aber die Sache mit der Heimat ist tiefgründiger.

Ich will jetzt nicht für schlechte Laune sorgen, aber Heimat war in meiner Jugend noch ein schwieriger Begriff, weil im städtischen Bereich sehr oft von denen verwendet, an deren Tischen man sich nicht dazugesellen wollte.

Die Hymne muss gesungen werden.

Wenn man heute 40plus ist, kommt man ja aus einer Zeit, in der es einem schwerfiel, die österreichische Bundeshymne zu singen, sowie den meisten Kickern in der Nationalmannschaft übrigens auch. Mein Vater war hier gleich auf 180, weil er meinte, das gehöre sich nicht. Die Hymne hat gesungen zu werden! Damals hat es auch keine 9,90 Euro Dirndln aus luftigem Stoff gegeben, da lag die Tracht noch schwer auf einem. Ich glaube, ich habe seit meinem 10. Lebensjahr keine mehr an und sie geht mir auch nicht ab.

Wie halt viel Revolutionäres, bleibt auch der Anti-Heimat-Gedanke im Jugendzimmer zurück. Ich kann mich da noch sehr gut erinnern. Irgendwann sagte ein Kumpel zu mir, ich soll mit dem ganzen Anti-Heimat-Zeug aufhören, weil es mehr als feig ist, wenn man seine Heimat eher grundlos ablehnt, beziehungsweise dieses Feld den anderen überlässt. Seitdem sage ich, ja, ich bin Österreicher, meine Heimat ist Österreich und meine eigentliche Heimat ist Graz. Tut gar nicht weh, trotz der Aufsteirer. Aber wir müssen tiefer Einblick nehmen. Die Heimat kommt einem meistens dann in den Sinn, wenn sie bedroht wird, wenn also die Lebenskultur in Gefahr ist. Das war 2015 der Fall, als die Grenze ignoriert wurde und sehr viele Migranten aus Afrika, via Italien, unkontrolliert in unser Land kamen, bei uns blieben, oder weiter nach Deutschland gingen. Willkommenspolitik hin oder her, das hätte so nicht stattfinden dürfen, zumindest nicht in dieser Form.

Heimat der betrunkenen Hornissen und schlechten Straßen.

Heimat kommt mir vor allem dann positiv besetzt in den Sinn, wenn ich einige Tage nicht hier bin, dann zurückkomme und mich freue. Über den satten Sommergeruch in Graz zum Beispiel, wenn rauschige Hornissen in meinem Innenhof mühevoll aufsteigen und zu ihren Nestern fliegen, nachdem sie anständig am Fallobst genuckelt haben. Heimat kommt mir dann in den Sinn, wenn ich darüber hinwegsehe, wie erbärmlich unsere Straßen beinander sind. Heimat kommt mir dann in den Sinn, wenn ich mir meinen Fußballschal umhänge, weil an irgendetwas muss man ja glauben. Heimat kommt mir dann in den Sinn, wenn ich auf dem Kaiser-Josef-Platz am Markt Gemüse einkaufen gehe. Das hat alles mit Tradition und Heimat zu tun. Trotzdem bin ich froh darüber, dass ich nie beim Bundesheer war und finde alle Menschen sonderbar, die am Nationalfeiertag eine Fahne aus dem Fenster hängen. Und Tradition? Wir in der Steiermark haben den besten Wein, die schönsten Frauen und die unterhaltsamsten Männer in ganz Österreich. Geschmack haben auch nur wir und die anderen sind nicht so klasse Hawies wie wir. Eine gewisse Oberflächlichkeit macht uns umgänglich, weil wir auch nie lange nachtragend sind. Zu kurz ist das Leben dafür, zu schön ist die Zeit.

Menschen, die keine Tradition haben, die die Heimat verweigern, sind oft traurige Menschen, weil ihnen etwas fehlt. Man kann sich in einer Sache zum Beispiel ein Stück mehr anstrengen, wenn es um die Heimat geht. Man erfährt mehr Verständnis, wenn man sich in einer Angelegenheit für die Heimat einsetzt. Gleichzeitig ist es gut, eine gewisse Distanz aufrechtzuhalten. Vielleicht so: Man lernt mit den Jahren die Heimat schätzen, ohne dass man auf das Gerede über sie hineinfällt. Das kann unterschrieben werden.

Text von Martin G. Wanko